„Schliess die Augen und du wirst seh´n
Halt dir die Ohren zu, du wirst es versteh´n
1000 Worte führen nicht zum Ziel
Es zählt nur das eine – glaube mir – dein Gefühl“

So lautet der Songtext einer deutschen Boygroup namens “Feuerherz”. Was aber hier in einem Schnulzen-Song triefend verpackt ist, ist für mich eine der wichtigsten Learnings zum Thema Leadership: Egal ob neuer Strategieschwenk, neue Culture-Initiative oder Performance-Programm: Es startet alles bei meinem Gefühl – und meiner Fähigkeit, dieses überhaupt zu erkennen – damit umzugehen – und geht dann weiter über das Gefühl meines Gegenübers. Soweit so wenig neu – schon in den 1990ern stand der Leitspruch “Culture eats Strategy for Breakfast” in den Management-Büchern. Was ist daran so schwer?

Es gibt drei große Selbstsabotagen von Leadern und Führungskräften zu ihren Gefühlen. Diese für sich aus dem Weg zu räumen ist eine der stärksten und fundamentalsten Game-changer für mich in meinem Führungsverhalten und der Effektivität von Führung geworden. Ob Barack Obama, Angela Merkel oder Vishen Lakhiani – meine großen Vorbilder in Punkto Leadership überzeugen mich genau darin – in ihrer Authentizität und ihrem Umgang mit ihren Zweifel und menschlichen Tiefpunkten.

Selbstsabotage #1: Ich bin immer selbstsicher – und fühle negative Gefühle gar nicht.

Die fundamentalste aller Selbstsabotagen – natürlich nicht nur in Bezug auf Leadership. Doch erstaunlicherweise gerade bei Managern oder Politikern stark verbreitet, da Unsicherheit und Führung nach klassischen Rollenverständnis ein Ausschluß per se ist. Sich auf das Glatteis des – “ich bin mir gerade überhaupt nicht sicher, indem was ich tue”-Terrain zu begeben, fühlt sich einfach super unangenehm an. Oder einfach festzustellen: “Ich bin gerade echt frustriert und traurig darüber, dass ich hier gerade nichts besseres erreicht habe.” Häufig genutzt “Cover-up”-Strategie: extensive zahlenlastige Analysen zur Scheinsicherheit beschaffen oder aktionistische Performance-Programme aufsetzen. (oder im Ergießen von erfolgslobenden LinkedIn-Posts 😉

Selbstsabotage #2: Sich in die Gefühle reinfallen lassen

Oft das Gegenstück zu #1 – denn – sich in Gefühlen zu ergießen, kopflos und wirr Entscheidungen zu fällen – oder gar nichts mehr zu tun -, ist genau das, was wir nicht von guten Leadern erwarten.

Genau an der Stelle ist aber genau die extrem wichtige Weggabelung: Gefühle bewußt als das, was sie sind, wahrzunehmen, ist das eine. Mit großer Klarheit festzustellen: “Ich habe da gerade nicht das Optimum erreicht und bin super traurig darüber” ist schwierig. Aber einfach das was manchmal gerade da ist. Aber ist ist etwas ganz anderes, als sich in Selbstzweifeln zu zermartern und kopflos durchs Leben und den Job zu laufen.

Desidentifikation ist das Zauberwort – sich nicht mit seinen Gefühle zu identifizieren – ich habe, aber ich bin nicht meine Gefühle. Nur weil ich ein Projekt gegen die Wand gefahren habe, bin ich weder ein schlechter Mensch, noch ist meine Karriere am Ende. Aber ich nehme einfach erst mal wahr, was sowieso da ist – und das ist die Basis um wirklich effektiv Entscheidungen zu fällen.

Ich habe gerade Zweifel über den nächsten Schritt im Business – und mache mir auch Sorgen, dass es eine Fehlentscheidung ist” – aber ich mache mir nicht mehr vor, alles 100% unter Kontrolle zu haben und kann auf der Erkenntnis basierend die bestmögliche, rationale Änderung herbeiführen.

Selbst- und Teamsabotage #3: Umgang mit Gefühlen verschweigen

Wer sich selber klar ist, was er/sie wirklich fühlt und dann geschafft hat, aus dem Gefühlsstrudel klar und bewußt rauszutreten, macht eine Riesenchance für das Team auf – nämlich sich als Mensch zu zeigen, der Zweifel und Angst hat – UND gleichzeitig einen Weg gefunden hat, diese in etwas positives zu transformieren.

Es ist wie in der Kindererziehung: Kinder stärkt man, indem man ihnen lehrt, mit Frustration und Angst umzugehen – nicht indem man ihnen vormacht, es ist alles gar nicht so schlimm. Ja, es fühlt sich manchmal doof an, in Zeiten zu leben, in denen es wirtschaftlich sicher nicht immer weiter bergauf geht. In denen uns Klimawandel und Umweltverschmutzung zum Konsumverzicht ein Einbußen im Lebensstandard zwingen werden. In denen die Digitalisierung viele Chancen bietet, aber die allermeisten – mich eingeschlossen – dennoch Angst und Unsicherheit darüber haben, ob sich das alles immer so zu unserem besten entwickeln wird. Aber ich habe einen Weg gefunden damit umzugehen. Ja sogar einen Weg, der mir Energie und Motivation gibt, mitzugestalten und mich nicht meinem Schicksal zu ergeben.

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Ich selber habe jahrelang in der mir-antrainierten “Ich habe alles im Griff”-Käseglocke agiert – was auch ziemlich gut funktioniert hat – aber mir rückblickend total viel Energie geraubt hat und vor allem super viele kreative Potenziale entzogen hat – und dabei habe ich das selber gar nicht gemerkt. Ein Funken Bewußtsein über die Glaswand, die ich um mich rum geschaffen hatte, kam mir, als ich schon am Ende meines Studiums den Spitznamen “Super-Miri” bekam – weil alles immer reibungslos lief und mir alles super leicht zu gelingen schien. Hm – dabei lief doch eigentlich in meiner Wahrnehmung total viel schief und vor allem begleitet von so vielen Selbstzweifeln. Es hat dann weitere 10 Jahre gedauert, meine Käseglocke als solche zu sehen und ich habe gelernt – immer öfter – daraus aus zu treten.

Das, was wirklich ist

Wir brauchen einen Führungsstil, der Bewusstsein, über das, was wirklich da ist, in den Vordergrund stellt. Der Authentizität und Ehrlichkeit belohnt – und nicht nur den glänzenden Scheins des Erfolgs.