War früher nicht alles besser? Haben wir in den Generationen X,Y & Z den Zug „der geilen Zeit“ bei der Arbeit verpasst? So oder so ähnlich war meine Befürchtung nach ca. 5-6 Jahren Berufserfahrung. So kann man sich täuschen, denke ich mir nun nach weiteren 5-6 Jahren Berufserfahrung. Ich fange aber am besten von vorne an…

Mein persönliches Kreuz – die Generation X?

In den ersten Jahren nach der Uni hatte ich ständig das Gefühl in Bezug auf meine professionelle Laufbahn etwas zu spät dran gewesen zu sein. Als ich bei der Beratung im Jahr 2006 anfing sagte man mir, dass es noch ein paar Jahre vor meinem Einstieg „richtig krass“ abging und „alle“ viel mehr verdient hätten und ausufernde Partys gefeiert haben. Nach über vier Jahren wechselte ich zum Investment-Banking. Dort traf ich wieder auf ähnliche Aussagen – „vor paar Jahren hat man hier noch richtig viel Geld verdient und ausufernde Partys gefeiert“, so der Tenor der Kollegen. Leider schien es jedes Mal nicht mehr das zu sein, was es mal war und was ich gehofft hatte vorzufinden in der jeweiligen Branche. War es mein Schicksal als Generation X immer zu spät für das Geld und die Partys dran zu sein. Als junger Absolvent und auch am Anfang der Karriere schienen diese beiden Faktoren recht wichtig und spiegelten auch irgendwie die Stimmung bei der Arbeit wieder.

Nun sind ein paar Jahre vergangen und ich frage mich, ob ich nun das auch so sehe, dass „früher alles besser war“ in der Branche? Bin ich jetzt auch einer dieser Leute geworden, die von ausufernden Partys gegenüber den jüngeren Einsteigern schwärme?

Zeiten ändern Dich

Nach weiteren Jahren meiner Reise kann ich natürlich über die angelegten Kriterien „Geld“ und „Party“ nur müde schmunzeln und glaube, dass es einigen Generation X’lern auch so geht. So langsam dämmert uns auch, dass das nicht die Erfüllung sein kann. Den Spiegel halten uns die Nachfolger der Generationen Y und Z vor. Mit dem Alter und Zeit scheinen die Partys im Nachhinein immer wilder gewesen zu sein, dennoch ist es nicht die Erklärung für mein Gefühl des „zu spät“ seins in den jeweiligen Branchen. Auch hat die Verschiebung der Prioritäten und das Erkennen der Fehlleitung durch das liebe Geld an diesem negativen Gefühl nichts geändert. Wenn, dann wurde es dadurch nur noch schlimmer.

In Retrospektive stelle ich fest, dass es zu meiner Anfangszeit in der Beratung schon noch etwas anders war. Der Duft der guten alten Zeiten war noch zwischen 2006 und 2008 in der Luft. Wie immer spürt man den Kontrast erst durch die Veränderung und so wurde es deutlich schlechter im Verlauf der Jahre mit dem Umfeld. Das äußerte sich nicht nur in den besagten Partys, sondern insbesondere im Mindset und dem Umfeld. Es fing bei den Getränken an, setzte sich fort über die Reisekosten und natürlich auch die Kürzungen bei den Fortbildungen und Events. Im Nachhinein war es deutlich spürbar, aber das wahre Kontrastmittel kam erst durch den Wechsel in den Finanzsektor in 2010. Dort traf ich auf ein Mindset, bei dem ich mir beim besten Willen die angeblichen früheren „goldenen Zeiten“ nicht vorstellen konnte. Fakten zeigten, dass hier zwar wesentlich mehr Geld verdient worden ist, aber ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie Menschen, die so unglaublich viel meckern, früher froh und glücklich gewesen sein konnten.

„Früher war alles besser“ schien der Leitsatz des Unternehmens zu sein. Es schien so, dass ich einfach „Pech“ hatte und wir hier und jetzt zu spät sind als Generation X. Bedingt auch durch mein langsam fortschreitendes Alter fragte mich aber auch zunehmend – war das nicht schon immer so? Findet man nicht immer alles früher besser ab einem gewissen Alter? Die Literatur gibt uns da auch einen Wink – wir tendieren dazu das Schlechte auszublenden und das Gute hervorzuheben. Das hat man schon in einigen Studien bewiesen. Das reichte mir aber nicht aus. Irgendwie fand ich so einen Erklärungsansatz einfach zu flach.

Später wird früher immer alles besser gewesen sein? – Ne sorry, das kann es nicht sein!

Fast war ich schon in diese gedankliche Sackgasse geraten und habe mich dort mental quasi eingerichtet – ganz nach dem Motto: „tja, so ist das eben im Leben“. Da kam mir aber eine Firmengründung in die Quere. Die Erfahrung in meinem eigenen Start-Up zeigte mir, dass es tatsächlich auf die Branche und damit verbundene Mindset ankommt. Hier kam dann eine Erkenntnis, die ich mir persönlich früher in meiner Laufbahn gewünscht hätte:

In einer untergehenden bzw. schrumpfenden Branche / Industrie wird man immer das Gefühl haben „zu spät“ dran gewesen zu sein.

In diesen schrumpfenden Branchen wird gekürzt, gefeuert, abgebaut und an jedem Bleistift gespart. Der Mensch wird als Kostenfaktor gesehen, den es zu reduzieren gilt. Die Personalabteilung hat Abbauziele und Personalentwicklung ist ein Begriff, den man mal gehört hat von älteren Kollegen. Alle meckern ständig rum, dass es früher nicht so war und die Spirale geht weiter abwärts. In einer aufstrebenden Branche dagegen ist das Spiel genau umgekehrt. Hier ist das Gefühl genau diese Zeit zu erleben in der es „vorwärts“ & „aufwärts“ gehe und alles liegt noch vor einem (wo auch immer dieses „vorwärts“ ist) … das geht dann so weiter, bis auch diese Industrie wieder out ist, oder das Produkt. An diesen Zeitpunkt mögen wir natürlich in den aufstreben Branchen kaum denken, warum denn auch?! Die Komik zeigt sich dann wieder in der Tatsache, dass die Menschen in den jetzt schrumpfenden Industrien oft auch nicht die Vorboten des Untergangs sehen wollten. Ich hatte das große Glück beides gleichzeitig zu erleben und direkt gegeneinander kontrastieren zu können. Eine weitere tragische Komik ist in der Tatsache zu finden, dass die aufstrebende Branche (in Deutschland) oft mit Liquiditätsengpässen zu kämpfen, denn das Geld ist ja in den alten, sterbenden Branchen.

Der König ist tot – es lebe der König!

Die spannende Frage hinter dem ganzen Thema ist aber doch – wie wählt man wohl die Branche für das eigene Tun und insb. den Berufseinstieg aus? Es ist doch dieser Einstieg, der dann zumeist den weiteren beruflichen Werdegang stark prägt. Ist es nicht vielleicht so, dass man mit einer bestimmten Vorstellung der Eltern und des Umfelds aufwächst, welches zumeist die alteingesessenen Branchen hervorhebt wegen der Sicherheit und Seriosität ebendieser? Je nachdem wie sehr diese Einflüsse uns tatsächlich lenken und prägen, landen wir fast zwangsläufig in einer schrumpfenden, alten, verkrusteten Branche, die zu der Zeit der Eltern cool war. Sofern wir nicht über einen gewissen Grad an Bewusstheit verfügen, der uns diese Programmierung erkennen und durchbrechen lässt, landen wir in einem Teufelskreis der Generationen, mit eben diesem Gefühl zu spät zu sein.

Die Non-Konformität und der Wunsch nach etwas Bestimmtem, Eigenem, von der Norm Abweichendem führt zumeist in die Sphäre des Aufwärtswindes. Das heißt nicht, dass jedes Start-Up erfolgreich wird, oder dass dort das große Geld auf einen wartet, aber die Stimmung, das Umfeld und das Gefühl jeden Tag ist ein anderes. Es ist ein positives Mindset, das über das Gefühl entscheidet. Das Mindset am Anfang, oder vielleicht mit etwas Glück am Hoch eines Zyklus dabei zu sein. Es ist das Mindset etwas neues zu erschaffen, oder daran beteiligt zu sein. Es spricht unsere Schöpfernatur an. Die Sinnhaftigkeit schwingt implizit automatisch mit und verändert die Sicht auf die gleichen Herausforderungen wie „kein Budget“ und „keine Kapazitäten“.

Wie bei jedem Zyklus, schließt sich dann doch irgendwann der Kreis und das unseriöse und hippe wird irgendwann alt und verkrustet, schrumpft und droht zu sterben und wird als eine neue Form wiedergeboren. Die Banken wurden von Investmentbanken abgelöst, diese von Hedge Funds, diese bald von FinTechs und dann kommt wieder etwas Neues. Schiff wurde Zug wurde Auto wurde Flugzeug wurde Carsharing wird irgendwann Drohne. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Wenn ich mir selbst also einen Tipp geben könnte vor ca. 12 Jahren:

1) Falls du dich dabei erwischst in einem Umfeld zu sein wo du dich „zu spät dran“ fühlst, ist es höchste Zeit für ein neues, positives Umfeld und Mindset. Das Leben in einer negativen, absteigenden Industrie ist deprimierend, auch wenn klar ist, dass man selbst dafür verantwortlich ist es an sich ran zu lassen. Wir entscheiden schließlich über unser eigenes Mindset.

2) Es liegt an uns selbst das daraus zu machen was und wie wir es wollen, dennoch fällt der Flug angenehmer aus, wenn der Gleitschirm Auftrieb hat.

3) Neue Wege gehen: Aus der Konformität ist noch nie etwas Neues entstanden. Alle bahnbrechenden großen Dinge geschahen eben, weil sich jemand gewagt hat es anders zu machen, als die Vorgänger. Manchmal war es eine Revolution, dann wieder eine Evolution, aber stets haben Menschen sich nach eigenen Wegen umgesehen und die ausgetrampelten Pfade verlassen, um auch sich selbst zu entdecken.

Schaffe dir das Umfeld, was DU liebst

In einem positiven Umfeld, welches sich gerade im Aufwind befindet, ist es deutlich einfacher zu sich und der eigenen Berufung zu finden. Spaß und Arbeit können verschmelzen (mit deutlich kleineren Budgets, als in den alten Branchen) und die „Work-Life-Balance“ löst sich im Wohlgefallen auf und zwar nicht weil man für wenig Geld viele Stunden arbeitet, sondern weil man die angemessenen rund 8 Stunden am Tag wirklich produktiv und konstruktiv Neues erschafft, oder dabei mitwirkt.